Ernst genug, also „nimm’s mit Humor“ – sehr witzig!

Haben Sie das schon gehört? Diese schlauen Sprüche, mit denen andere um die Ecke kommen, wenn einem richtig mies zumute ist? „Nimm’s doch mit Humor! Das Leben ist ernst genug“ – oder noch besser „Nimm’s doch einfach mit Humor!“

Was gibt es da zu lachen?

Ja, im Ernst, was gibt es da zu lachen? So kann man sich zu sich selbst sagen hören, und es ist nicht verwunderlich, wenn in Situationen, in dem einem nicht zum Lachen zumute ist, kein Lachen auskommen will – zumindest nicht auf dem Weg, wenn man sich das Lachen vornimmt. Wenn es nichts zu lachen gibt, dann gibt es nichts zu lachen. Einfach so loslachen wäre bescheuert und würde innen, im Menschen eher als zynisch ankommen. Doch HALT: Wie wäre es, wenn etwas entstehen oder hervortreten könnte, das zum Lachen ist, obwohl in der aktuellen Situation bis jetzt nichts erkennbar war?

Ernste Frage

Weshalb ist es mit der Heiterkeit auf Knopfdruck nicht so einfach? Sicher haben Sie schon mal gesehen, wie sich Kinder alle Mühe geben, ein besonders ernstes Gesicht zu machen, wenn sie sich gerade ärgern und von außen ein Angebot erhalten, den Ärger abzulegen und sich auch wieder den erfreulichen Seiten des Tages zuzuwenden. Wenn man als Erwachsener dann mit Witzen daherkommt, um ein Kind aufzuheitern, herauszuholen aus seinem Ernste-Miene-Zustand, kann einem schnell mal Wut begegnen. Das Kind schnappt ein und ist nicht mehr ansprechbar.

Einfache Antwort auf die ernste Frage

Heiterkeit ist „auf Knopfdruck“ deshalb nicht einfach herbeizuführen, weil es für die trübe Stimmung in uns durchaus ernste Gründe geben kann – und meistens gibt. Wenn nun jemand dem niedergeschlagenen Menschen mit einem Narrenkäppchen vormachen will, das Gefühl der Niedergeschlagenheit oder des Ärgers sei in Wahrheit gar nicht echt, und man bräuchte sich nur kurz ernsthaft Mühe zu geben, um wieder heiter zu werden, dann kann es vorbei sein mit der Heiterkeit.

Wie Sie im Ärger aus dem Ärger finden können

Vorausgesetzt, Sie wollen es – was könnten Sie unternehmen, um mitten im Ärger oder Trübsinn etwas Erleichterung zu erfahren? Arbeitsteilung ist das Stichwort – bzw. Stimmungsteilung. Wenn wir davon ausgehen, daß es gewichtige Gründe für eine Verärgerung, eine Befürchtung oder eine niedergeschlagene Stimmung gibt, dann hat die betroffene Seite des Menschen ein Recht, sich in diesem Moment so zu fühlen wie sie sich fühlt. Natürlich würde es bei der Seite, die sich verärgert fühlt, schlecht ankommen, wenn man ihr mit Witzen vor der Nase herumwedelt. Der erste Schritt kann daher sein, zu sagen: Auch wenn es mir anders lieber wäre, ich erlaube einer Seite in mir, momentan verärgert zu sein. So ist es für diese Seite im Moment, und ich will nicht versuchen, ihr etwas anderes einzureden.

Wenn sich eine Seite ärgern darf, haben andere Seiten freie Hand

Sobald die ursprüngliche Idee, den Ärger umzustimmen, freundlich verabschiedet wurde, haben andere Seiten des Menschen, die sich nicht ärgern, freie Hand. Kein Mensch ist durch und durch, d.h. bis in die letzte Gedankenverbindung seines Gehirns, verärgert oder ängstlich oder niedergeschlagen. Das schafft kein Mensch. Wenn jemand Ärger feststellt, so ist das ein sicheres Zeichen dafür, daß in ihm mindestens eine Seite wach ist, die andere Zustände als den Ärger kennt. Logisch, sonst würde die den Ärger nicht deutlich benennen, keinen Unterschied zu anderen Erlebniszuständen feststellen können. Wenn man der verärgerten Seite – zumindest für den Moment – die ausdrückliche Erlaubnis zum Ärger erlaubt, fällt schon der Ärger über den Ärger weg.

Entlastet man den Ärger, verliert er an Last

Ärger strengt enorm an. In der Vorgeschichte zum Ärger gibt es häufig Versuche, etwas zu erreichen, und es gibt Enttäuschungen, wenn das Gewünschte (noch) nicht erreicht werden konnte. Hier steht bewußt „noch“, weil das „noch“ eine wesentliche Rolle in der Arbeit mit dem Ärger spielt. Zurück zum Ärger. Als wenn es nicht schon reichen würde, daß es zum Ärger schon eine ärgerliche Vorgeschichte gibt („Das Leben spielt nicht so, wie ich will) – es kommt auch noch die Mühe dazu, eine sichere Position zu der Umgebung aufzubauen, die einem (noch) nicht das gegeben hat, was man sich gerade wünscht. Die Umgebung hat deutlich zu spüren, welcher Ärger im Raum oder im Bauch ist. Irgendwann ärgert sich die Umgebung dann auch wirklich, und Ärger ist überall. Kann man die Ärger-Seite zu entlasten, damit sie nicht so viel Energie abzieht? Man kann, und zwar wirksam und schnell.

Schlechte Miene zum schlechten Spiel. Und gute Miene zum guten Spiel im Hintergrund.

Die Psyche läßt sich nicht beschummeln, und das ist auch gut so. Die Psyche schätzt Klarheit und Glaubwürdigkeit, denn nur so kann Stimmigkeit erlebt werden. Haben Sie schon einmal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn eine sichtlich erschöpfte Person sagt, es gehe ihr gut, obwohl das Gegenteil sichtbar ist, die Person mit den Tränen oder der Ohnmacht kämpft? Es stimmt etwas nicht, und das wird deutlich spürbar, das irritiert.
Deshalb bringt es nichts Gutes, wenn man in einen Ärger hinein einfach nur laut lacht oder einen Witz erzählt, in der Absicht, der Ärger würde verschwinden. Solche gewaltsamen Ärgerbeseitigungsversuche können zu Zynismus führen.
Der Ärger darf sein, auch wenn kein offensichtlicher Grund für den Ärger feststellbar ist (das kann einen übrigens zusätzlich auf die Palme bringen, wenn man „grundlos schlecht drauf“ zu sein scheint und sich über die Grundlosigkeit ärgert. Eine Seite also darf sich ausdrücklich ärgern, und man kann ihr zusichern, daß sie bekommt, was sie braucht. Sehr witzig, sagen Sie, wer kann ihr das zusichern?
Wenn jemand feststellt, daß er sich in einem Zustand der Verärgerung befindet, so setzt dies voraus, daß er schon andere Zustände erlebt hat und einen Unterschied zu diesen feststellen kann: sonst wäre der Ärger der Normalzustand und nicht der Ausnahmezustand Ärger. Dann würde man vielleicht sagen „Ich normale mich gerade“, nicht aber „Ich ärgere mich“. Soweit nachvollziehbar?
Da es offensichtlich mindestens eine Seite gibt, die auch im Zustand des Ärgers andere Erlebniszustände kennt, kann man zu dieser Seite – mitten im Ärger – Kontakt aufnehmen und sich mit ihr die Lebenssituation teilen. Wahrnehmungsteilung ist (wie eine Art Arbeitsteilung) das Stichwort.…